Goldmann
ISBN: 3–442-44901–4
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Elliot Steil saB auf einer Parkbank im Schatten, schlug die Beine übereinander, streifte einen abgewetzten, mit Trod-deln besetzten Mokassin ab und massierte seinen linken FuB. Kurz darauf nahm er sich seinen rechten FuB vor. SchlieBlich stützte er sich auf der Marmorplatte ab, setzte seine nackten FüBe auf den betonierten Gehweg und wa-ckelte mit den Zehen.
Dieser Tag hat’s echt in sich, sinnierte er. Bereits vor zwei Tagen waren seine letzten Kaffee– und Zuckerreserven aus-gegangen, und sein Frühstück hatte aus vierzig Gramm tro-ckenem WeiBbrot und einem Glas Wasser bestanden. Kurz darauf sollte er feststellen, dass sein Fahrrad hinten einen Platten hatte. Geschlagene fünfundsiebzig Minuten hatte er auf einen Bus warten mussen, um schlieBlich um zwei Minuten nach zehn seine Stechkarte im Polytechnischen Insti-tut zu lochen, wo er Englisch unterrichtete — zwei Stunden und zwei Minuten zu spat.
Zum Mittagessen gab es ein dürftiges, fades Gemisch aus Reis und halb garen Feuerbohnen, begleitet von ein paar Scheiben überreifer Tomaten. Als er um fünf Uhr nachmit-tags das Institut verlieB, überlegte Elliot sich, ob er zu FuB nach Hause gehen oder ein paar Stunden seiner sparlich be-messenen Freizeit auf das so gut wie nicht existente öffent-liche Verkehrsnetz Havannas verschwenden sollte. Ange-sichts des für die Zeit zwischen acht und elf angekündigten Stromausfalls und der noch zu erledigenden Hausarbeit ent-schloss er sich, die acht Kilometer zu FuB zurückzulegen.
Beim Fahrradfahren oder im Bus vergaB er immer wieder seinen empfindlichen MittelfuKknochen, den er von irgend-einem unbekannten Vorfahren geerbt haben musste, und nach einem FuBmarsch von vierzig oder fünfzig Minuten halfen die orthopadischen Einlagen seiner Konfektionsschu-he nicht mehr.
Steil seufzte und schaute vom Gehweg auf. Zwei Teenager unterbrachen ihren Austausch an coolen Modewör-tern, und nachdem sie ihn kurz angesehen hatten, tausch-ten sie breit grinsend Blicke aus. Der schlaksige Blondhaa-rige, der einen Basketball unter dem Arm und schmutzige Plateau-Sneakers zu übergroKen Shorts trug, hielt sich die Nase zu.
»Da sieht man’s mal wieder. Man sollte nie ohne Gasmas-ke aus dem Haus gehen«, witzelte der GröBere, ein kaffee-brauner Junge.
Die beiden Halbstarken glucksten, krümmten sich vor Lachen. Als sich ihr Heiterkeitsanfall sechs, sieben Schritte weiter gelegt hatte, schlugen sie die Hande ineinander — zu-erst in Schulter-, dann in Hüfthöhe — und wandten sich wieder ihrer Unterhaltung zu.
Steil nahm ihnen die Bemerkung nicht weiter übel; er musste sogar lacheln, denn er wusste genau, dass seine FüBe geruchsfrei waren. Nach zwanzig Jahren als High-School-Lehrer war er die Marotten der Teenager gewohnt. Was ihn j edoch bestürzte, war das verstümmelte Spanisch, das die Kids sprachen. Wie in aller Welt sollten sie eine Fremdspra-che erlernen, wenn sie ihre eigene Muttersprache derart fehlerhaft und bestenfalls rudimentar beherrschten? Die Zahl der Schuier, die ein akzeptables Spanisch sprachen, nahm von Jahr zu Jahr ab. Bei den wenigen, die der Spra-che machtig waren, handelte es sich beinahe ausschliefilich um Madchen. Und Jungen, deren Kommunikationsfahigkei-ten in Schrift und Wort über dem Durchschnitt lagen, kehrten ihr Licht gern unter den Scheffel, um sich nicht dem Spott ihrer Kameraden auszusetzen.
Die beiden schlenderten davon. Der schlaksige Blonde dribbelte den Ball gekonnt mit der linken Hand, wahrend er sich weiter mit seinem Freund unterhielt. Steil schlüpfte in seine Mokassins und machte sich wieder auf seinen weiten Weg.
Als er eine Stunde spater um die Ecke seines Hauser-blocks bog, wurde er von einem Schwarm Kinder umzin-gelt, die ganz aufgeregt irgendetwas von einem funkelna-gelneuen Auto und einem Touristen plapperten. Steil wuss-te nur zu gut, dass er aufgrund seiner Erschöpfung und seiner zerschundenen Knochen kurz davor stand, in einen Wutanfall auszubrechen. Er riss sich am Riemen und ver-suchte geduldig, die Rasselbande abzuwimmeln. Aber die Kinder stellten sich ihm immer wieder in den Weg, sprangen um ihn herum und riefen, dass der americano ihnen Kaugummi gegeben hatte. Steil blieb plötzlich stehen und stierte sie wütend an, um Ruhe zu gebieten.
»Okay, Lemar. Was ist los?«
»Ein americano sucht Sie. Er ist in diesem Wagen gekom-men«, sagte der Junge und zeigte geradeaus. »Er hat uns Kaugummi geschenkt.«
Einen Moment lang war er zu überrascht, um zu reagie-ren, und stierte den neunjahrigen unangefochtenen Ban-denführer weiter an. »In Ordnung, vielen Dank. Und jetzt geht wieder spielen.«
Steil wandte sich um und spahte zu dem perlgrauen Toyota Corolla rüber, der am Strafienrand geparkt stand, direkt vor seinem Wohnblock. Der Wagen war mit Touristen-Nummernschildern gekennzeichnet, und auf dem Fahrer-sitz saB eine dunkle Gestalt. Er schlenderte mit müden Schritten hinüber, legte seine Hand aufs Wagendach und beugte sich vor. Der etwa sechzigjahrige Fahrer blickte auf.
Seine buschigen Augenbrauen wölbten sich kurz, und er öffnete überrascht den Mund.
»Suchen Sie jemanden?«, fragte Steil.
»Gott sei Dank«, sagte der Mann. »Hier scheint kein Mensch Englisch zu verstehen, auBer bitte, bitte. Ja, ich su-che Elliot Steil.«
»Der steht vor Ihnen.«



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